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Dominanter Rüde

Herr A ruft mich an und berichtet mir, gegen ihn werde wegen fahrlässiger Körperverletzung ermittelt. Ich bitte ihn, mir die Hintergründe dieser Vorwürfe zu erörtern.

Daraufhin berichtet er: Er habe einen drei Jahre alten Neufundländerrüden und wohne in einer kleinen Gemeinde mit ca. 300 Einwohnern, jeder kenne jeden und es gebe verhältnismäßig viele Hunde in der Ortschaft. Sein Hund sei der größte Rüde des Ortes. In der letzten Zeit hätte das Verhalten seines Hundes an Dominanz anderen Hunden gegenüber zugenommen, es sei zu kleineren Rangeleien mit anderen Hunden gekommen. Herr A habe sich belesen, es sei nicht ungewöhnlich, dass sein Hund sich in diesem Alter so entwickle. Er versuche durch ständiges Training den Hund unter Kontrolle zu behalten, was ihm bisher gut gelungen sei. Gestern sei es allerdings zu einem unerwarteten Zwischenfall gekommen. Er habe zunächst wie immer seine Runde durch das Dorf genommen, der Hund sei angeleint gewesen. Erst auf dem freien Feld habe er den Hund laufen lassen, um mit ihm zu trainieren. Dabei sei ihm entgangen, dass sich eine andere Dorfbewohnerin mit ihrem kleineren Hund genähert habe. Diese sei ca. hundert Meter entfernt gewesen, als sein Rüde sie entdeckt habe. Er sei sofort auf sie zugerannt und hätte nicht mehr auf Rufen reagiert. Bei dem Hund angekommen habe er sich sofort auf diesen gestürzt und ihn gebissen. Die Frau habe versucht, ihren Hund zu schützen und sein ebenfalls gebissen worden. Herr A sei sofort hinter seinem Hund hinterhergerannt, habe den Zwischenfall aber nicht verhindern können. Es tue ihm leid, er habe sich bei der Frau entschuldigt und sei auch bereit für den Schaden aufzukommen. Trotzdem hätte die Frau Strafanzeige gegen ihn gestellt, was er übertrieben finde. Wir reden darüber, wie viel Angst die Frau in der Situation wohl ausgestanden haben mag. Herr A entwickelt mehr Verständnis für die Reaktion der Frau und verspricht nochmals Kontakt zu ihr aufzunehmen und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen.

Sein vordergründiges Problem sei nun das eingeleitete Strafverfahren. Der Polizist des Ortes habe ihn zu einer Vernehmung geladen. Er habe die Auskunft verweigert und nur Angaben zu seiner Person gemacht. Nun mache er sich Sorgen, wie sich das Verfahren entwickeln werde, auch komme es ihm nicht richtig vor, den Vorfall nicht einzugestehen.

Was wird sein Verhalten für einen Eindruck bei den Mitbewohnern des Ortes hinterlassen? Andererseits habe er gehört, man solle grundsätzlich keine Aussage bei der Polizei machen, deshalb habe er geschwiegen. Er bittet mich zu dem bearbeitenden Polizisten Herrn W Kontakt aufzunehmen. Diesem Wunsch folge ich gerne.

Ich führe mit Herrn W ein hypothetisches Gespräch. Wir reden über das Für und Wider der Aussageverweigerung. Nach dem Gesetz darf dem Beschuldigten die Aussageverweigerung nicht negativ ausgelegt werde. Andererseits kann eine Aussage auch Verständnis für den Beschuldigten erwecken, er kann seine Entschuldigungsgründe vorbringen und er kann Verständnis und Respekt dem Opfer gegenüber zollen und so ein Teil der Wiedergutmachung leisten und sich damit auch den Respekt der anderen Mitbewohner sichern. Wir reden auch über die Wahrscheinlichkeit einer Einstellung des Verfahrens, die Herr W mit mehr als 75 % angibt. Herr W kann mir nicht versprechen, dass es zu einer Einstellung des Verfahrens kommen wird, gibt mir aber deutlich zu verstehen, dass er einen wohlwollenden Abschlussbericht an die Staatsanwaltschaft verfassen wird, falls Herr A sich zu einer Aussage entschließt.

Ich teile Herrn A den Inhalt meines Gespräches mit Herrn W mit. Er entschließt sich, eine Aussage zu machen. Das Verfahren wird 2 Monate später eingestellt.

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